Das Axiom. Ein nicht bewiesener Grundsatz.

Es lügt nicht und sagt doch nie die ganze Wahrheit

Die Wissenschaft ist auch nicht immer das, was man unter einem seriös erscheinenden Kleide sucht. Wenn komplexe Sachverhalte für ein breites Publikum zusammengefasst werden, spricht man auch gerne von der Populärwissenschaft. Es handelt sich dann um eine Art des Vereinfachungsservices. Werden allerdings unbewiesene Grundsätze im Gewand eines wissenschaftlichen Beweises präsentiert, gilt es vorsichtig zu sein. Es könnte sich um ein Axiom handeln!

Eltern nutzen Axiome gerne, wenn sie ihre Kindern mit Sätzen wie “das war schon immer so” oder “wenn du das nicht tust, wird dieses oder jenes passieren” maßregeln wollen. Zwar kann man eine gute Absicht unterstellen, im Kern handelt es sich doch immer um die Verfolgung eigener Interessen.

Wollen wir mal ganz ehrlich sein: wir nutzen sie selber auch, diese Weisheiten, die uns helfen sollen, unsere Meinung zu stützen. Bewiesen sind sie aber selten bis nie, da es mindestens immer zwei unterschiedliche Ansichten und Erfahrungen dazu gibt.

Meinungen als Grundsätze getarnt

Sehr problematisch wird es, wenn Meinungen als Grundsätze getarnt werden. Denn dann können sie nicht nur elterlicher Fürsorge dienen, sondern ganz andere Ziele verfolgen. Inhaltlich sollten diese Grundsätze einigen Vorgaben entsprechen, um ihre Wirkung zu entfalten.

Die wichtigste Essenz ist die Plausibilität. Vielfach genügt diese Zutat schon, um den Anschein eines Beweises zu erbringen. Denn: je mangelhafter der/die Empfänger informiert ist/sind, umso empfänglicher ist/sind er/sie gegenüber diesen unbewiesenen Aussagen. So wie Eltern das bei ihren Kindern voraussetzen. Deshalb gelingt es mitunter, selbst die abstrusesten Argumente zu Untermauerung eigener Interessen zu erfolgreich einzusetzen.

Die Trennlinie zwischen “fürsorglich” und “manipulativ” ist schon bei der Nutzung dieser Grundsätze im erzieherischen Kontext nicht immer klar zu ziehen. Werden sie von Institutionen oder Interessengemeinschaften strategisch verwendet, ist ihnen eine gewisse Gefahr nicht abzusprechen. Erkennbar sind sie besonders dann, wenn sie jegliche Kritik ablehnen und Gegenbeweise ignorieren oder sogar aktiv attackieren. Dann gleitet eine konstruktive Diskussion ganz schnell ab. Außenstehende sehen dann einen Glaubenskrieg. Die Folge: die Fronten sind verhärtet.

Das Axiom

Rein wissenschaftlich betrachtet handelt es sich bei einer beweislosen Aussage um ein Axiom. Ein Axiom ist eine nicht abgeleitete Aussage, die ohne Beweis angenommen wird. Seine Wahrheit wird angenommen, ohne dass es eines empirischen Nachweises bedarf. Sie seien deshalb in gewisser Weise vollkommen willkürlich, bemängeln Wissenschaftstheoretiker. Empirisch arbeitende Wissenschaftler bemängeln Axiome wegen der reinen Annahme, dass es genüge, wenn sie einleuchtend wären. Denn was nur plausibel klingt, hält noch lange keiner empirischen Überprüfung stand. Wie die folgenden Beispiele aus der Werbung klar dokumentieren.

Wenn Lügen legal werden

Es ist also Obacht angesagt, wenn Meinungen als Grundsätze verpackt werden. Werden sie mit Attributen verbunden, können sie sogar eine täuschende Wirkung entfachen. Oder – noch hinterlistiger – sie werden zu einem Slogan. Wird er mit einer durchdachten und zweckgerichteten Sprache aufbereitet (“Stärkt dein Immunsystem”), erzielt er beim Empfänger seine geplante Wirkung. Wie schmal der Grat zur strategischen Irreführung ist, beweisen die zahlreichen Urteile gegen diese Art der Werbung. In anderen Bereichen unseres Lebens ist das jedoch noch immer geduldet.

Werbestrategen sind besonders geübt darin, die Qualität von Produkten durch Aussagen zu untermauern, die wie Beweise klingen aber doch meistens nicht einmal den Wahrheitsgehalt überlieferter Lagerfeuergeschichten besitzen. Marketing- und PR-Abteilungen haben sich dieses Prinzip übrigens schon immer zunutze gemacht. Mit Aussagen wie “schwimmt sogar in Milch” und “wäscht weißer als weiß” verfährt man strategisch nach diesem Muster. Wenn eine Schokolade mit 52,5 Gramm Zuckergehalt mit der “Extra-Portion Milch” beworben wird, steckt erkennbares Kalkül dahinter. Täuscht man den Rezipienten oder nutzt man lediglich seine Unwissenheit aus (Klick > n-tv-Artikel “Werbelügen sind völlig legal”)?

Wiederholung stärkt die Aussage

Der Alltag ist voll von Axiomen, die wir gedankenlos konsumieren, ohne deren Wahrheitsgehalt infrage zu stellen. Kommt die entsprechende Penetranz, also Wiederholung der Aussage hinzu, und noch eine Portion Unwissenheit, so ist die Gefahr der Täuschung latent vorhanden. “Garniert” man diese Aussagen noch mit einem Narrativ – z.B. einer Bedrohung oder einer Erleichterung -, muss die Forderung nach Überprüfung deshalb laut und deutlich gefordert werden. Wird dies vom Urheber der Aussage unterlassen, muss man ihm Inkompetenz oder aber die Verfolgung eigener oder fremder Interessen unterstellen.

Gefahr: Gruppendenken

Trennt sich die Gruppe der Informationsempfänger in eine, der die vorgelegten Beweisen nicht genügen, gegenüber der, die den vorgelegten Aussagen als Gemeinschaft vertrauen, bildet sich schnell ein weiteres, sehr interessantes Phänomen aus: das Gruppendenken. Das Groupthinking beschreibt die Gefahr der Gruppendenker, sich von anderen Meinungen abzuschotten und zunehmend Informationen zu selektieren, die ausschließlich den eigenen Standpunkt stützen. Damit einhergehend steigt die Überzeugung von der Moralität des eigenen Handelns, Stereotypisierung von Außenstehenden oder Gegenspielern. Die Fronten verhärten sich zunehmend, wenn wir dieses Phänomen nicht rechtzeitig identifizieren.

In einem solchen Fall verschiebt sich die Diskussion zu kategorischem Verhalten. Geholfen ist damit niemandem. Höchstens dem Initiator.

Gefährlicher Selektionseffekt

Stutzig wird der Kritiker – und ganz besonders der, der selber den Anspruch hat, wissenschaftlich zu arbeiten – vor allem dann, wenn zur Untermauerung der Aussagen Statistiken bemüht werden, die der Urheber selber zusammengestellt hat (Selektionseffekt).

Nutzt er dabei auch noch Instrumente, die er selber erfunden hat, er also seine eigenen Regeln erschafft, darf er sich nicht wundern, wenn der gesamte Wahrheitsgehalt angezweifelt wird. Die Kritik der Willkür scheint dann angebracht. Schließlich steuert der Urheber selber die Regeln, nimmt Einfluss auf sie, und entscheidet eigenmächtig, welche Werte ausgewiesen werden. So darf unterstellt werden, dass diese nicht repräsentativ sind. Dafür ist er selber verantwortlich – ob eine Intention dahinter steht oder auch nicht. Die Kritik ist unausweichlich. Besonders dann, wenn weitere Konsequenzen aus den Ergebnissen folgen. Dann könnten auch Fehler auf Fehler folgen. Das wäre eine fatale Kaskade ohne erkennbaren Ausweg.

Täuschung ist allgegenwärtig. Und sie geht leicht von der Hand.

Ein Beispiel

Forderung: Senkung der Gesundheitskosten.

Grundsatz: 1,25 Millionen Menschen verletzten sich beim Sporttreiben so stark, dass sie ärztlich versorgt werden müssen.

Problem: Sportler verursachen Kosten in Höhe von 1,5 Milliarden pro Jahr!

Beweis erbracht: Sport belastet das Gesundheitssystem!

Problemlösung: Sport sollte verboten werden!

Man könnte es fast glauben. Natürlich klingt das wenig plausibel, da wir genügend eigenes Wissen in diese Diskussion einbringen können. Dennoch: wollten wir Kosten einsparen, so wäre ein Sportverbot eine Möglichkeit. Dass dafür an neuen Stellen andere – vielleicht viel höhere – Gesundheitskosten entstehen würden, kann man unerwähnt lassen, wenn man seine eigenen Interessen durchsetzen möchte. Das ist legitim. Und doch handelt es sich um eine Form der Beeinflussung derjenigen, die ungenügendes eigenes Wissen in diese Diskussion einbringen. In solch einer Auseinandersetzung, Interessenverfolgung vermutet, darf man nicht erwarten, ausreichend aufgeklärt zu werden.

Nicht-Sportler könnten diese Forderung folgerichtig sogar vehement unterstützen. Grund: sie haben selber wenig Interesse am Thema, besitzen im Regelfall auch kein Hintergrundwissen, stützen ihre Meinung auf die vorgelegten Argumente und “Beweise” – und glauben nun sogar, sie würden für die gefährlichen Freizeit-Eskapaden der Sportler zur Kasse gebeten. Klingt verrückt, könnte aber so passieren.

Pseudo-Grundsätze entlarven und genau hinsehen

Wir sind deshalb aufgefordert, unbewiesene Grundsätze – Axiome – zu entlarven, die offensichtliche Lücken in der Beweisführung zeigen. Ist es uns wichtig, eine fundierte Meinung aufzubauen, so müssen wir also pro-aktiv in die Recherche gehen und dabei möglichst vielfältige Quellen zu Rate ziehen. “Auf den Zahn fühlen”, sagt der Volksmund. So entwickeln wir eine fundierte, auf Fakten basierende Meinung.

THINK OUT OF THE BOX! Die 6 Hüte des Denkens.

Denk doch auch mal anders, und blicke multiperspektivisch auf Aussagen, die dich selber betreffen. Mitunter hilft es, einmal die Gegenseite der Argumentation einzunehmen, um den Sachverhalt zu relativieren. Der Kognitionsforscher Edward de Bono hat dazu ein Modell entwickelt, das er die “6 Hüte des Denkens” genannt hat. Er fordert auf, ganz bewusst in verschiedene Meinungspositionen zu rücken, um eine komplette Perspektive des Problems zu bekommen. Denn die Essenz lautet: versetze dich in verschiedene Blickwinkel, um das Problem zu erfassen.

Eigentlich wäre genau das nämlich die Verantwortung derer, die ein Axiom in die Welt setzen! Tun sie das nicht, spielen sie womöglich mit der Unkenntnis der Empfänger. Eben so, wie man das gerne bei Kindern macht: “Wenn du nicht das tust, was ich dir sage, passiert … !”

Als mein eigenes Kind auf eine erzieherische Aussage “das könne niemals passieren” einmal antwortete “Und wenn doch, Papa?”, schmunzelte ich in mich hinein. Dann begann ich nachzudenken …