Studie: Bewegungsmangel fördert schweren Covid-Verlauf

Eine historische Chance: vertan!

Die C-Krise ist in aller Munde und es hat auch nach einem Jahr nicht den Anschein, als wären wir das Thema nun bald los. Es werden Maßnahmen getroffen, die in ihrer Wirksamkeit sehr kontrovers diskutiert werden. Doch hier soll der Blick nicht auf Inzidenzwerte oder PCR-Tests gerichtet sein, sondern auf den Menschen. Den Menschen und seinen eigenen, ganz persönlichen Umgang mit seiner Gesundheit. Man könnte auch sagen: die Eigenverantwortung, gesund zu leben.

Gesund zu leben ist auch mal mühsam

Denn auch wenn einige Menschen das gerne anders hätten. Ein gesunder Lebensstil ist nicht immer bequem und einfach – man muss sich dafür schon auch anstrengen. Zum Glück bleibt der Benefit, die Belohnung, nicht aus. Kräftigere Knochen, ein stabiles Herz-Kreislauf- und Immunsystem, ein funktionierender Stoffwechsel und eine gesteigerte allgemeine Leistungsfähigkeit, als einige von vielen positiven Aspekten, sind der Dank an diejenigen, die sich bemühen, Körper und Geist beweglich zu halten.

Die Frage, weshalb man dann aktuell immer und immer wieder mit neuen Verordnungen das Sporttreiben erschwert und in seiner Durchführung zum Teil unmöglich macht, ist nicht immer mit gesundem Menschenverstand zu fassen. Doch diese Thematik, die einen als Sportwissenschaftler ja direkt betrifft, soll an anderer Stelle nochmals diskutiert werden. Ebenso die Evidenz mancher Statistik und ihrer zum Teil doch sehr eigenwilligen Kriterien.

Hoher Grad an Unwissenheit?

Mit Überraschung nimmt man dennoch zur Kenntnis, wie hoch der Grad der Unwissenheit positiver Auswirkungen von Bewegung und Sport auf den menschlichen Organismus zu sein scheint. Insbesondere, wenn es sich bei den Personen um Gesundheitsexperten handelt. Mehr als ein Jahr wird der Sport als ein Ansteckungsherd quasi diffamiert, geächtet und schließlich auch mehr oder weniger verboten – und plötzlich taucht am 14.4.21 folgender Tweet (rechts) auf.

Sport ist gesund und hilft dem Immunsystem! Wer hätte das gedacht? Plausibel aber bisher nicht belegt?

Für ihre im “British Journal of Sports Medicine” veröffentlichte Studie, beleuchteten Forscher die Fälle von fast 50.000 Corona-Infizierten in den USA, die in den vorangegangenen zwei Jahren mindestens dreimal bei einer Klinik Angaben zu ihren körperlichen Aktivitäten gemacht hatten.

Bewegungsarmut als Risikofaktor

Durch die Untersuchung stellte sich heraus, dass Bewegungsarmut für den Krankheitsverlauf mit Covid-19 ein wesentlich höheres Risiko darstellt als beispielsweise Rauchen, Fettleibigkeit oder Bluthochdruck.

Inaktive Menschen mit 73% höherem Risiko für Einweisung auf Intensivstation

Wie n-tv in seinem Artikel berichtet, hatten sich 15% der Personen als inaktiv beschrieben (0 bis 10 Minuten körperliche Aktivität pro Woche). Für 80% bedeuteten 11 bis 149 Minuten Bewegung pro Woche eine moderate Aktivität, während lediglich 7% eine regelmäßige Bewegungszeit von mehr als 150 Minuten aufwiesen.

Die Gruppe der inaktiven Personen hatte der Auswertung zufolge ein 73% höheres Risiko, wegen einer Covid-19-Erkrankung auf die Intensivstation eingewiesen zu müssen als die aktiven Menschen! Ihr Sterberisiko lag zweieinhalb Mal so hoch.

Das sind nicht nur beeindruckende, sondern auch alarmierende Zahlen, die eigentlich dazu führen müssten, die aktuellen Einschränkungen des Sporttreibens und Trainierens sofort einer Überprüfung zu unterziehen.

Eine historische Chance!

Mehr noch: diese Studie zeigt zweifelsfrei, welch historische Chance wir als Gesellschaft hätten, Menschen gerade jetzt und mit Nachdruck dazu zu motivieren, sich zu bewegen, sich zu stärken und gesundheitlichen Herausforderungen aktiv entgegenzutreten! Das muss eine Forderung an die Politik sein. Wir könnten die aktuelle Zeit nutzen, um einen echten Wertewandel zu vollziehen und Erwachsene wie Kinder und Jugendliche für ein gesundes Leben zu begeistern. Und als Beigabe würden wir die Gesundheitsausgaben signifikant senken! Bewegungsmangel und seine Folgen verursacht in Europa allein wirtschaftliche Kosten in Höhe von über 80 Milliarden Euro pro Jahr!

Ignoranz aktiviert den Kritiker

Bewegungsförderung? Nichts davon geschieht! Dass die Politik die Kritiker damit aktiviert, hat sie selber zu verantworten. Und wer die Bevölkerung mit fragwürdigen Spots unter dem Hashtag #besondereHelden auch noch animiert, auf dem Sofa sitzend zu verharren, der ist – aus meiner Sicht – gescheitert.

Hier der Spot der Bundesregierung (unten). Man muss sich ernsthaft fragen, welche Intention sich hinter diesem Aufruf verbirgt. Als Sportler jeder Alters- und Leistungsklasse fühlt man sich fast ein wenig verhöhnt. Was sagen Menschen dazu, die die Bewegung dringend benötigen, um gesund zu sein oder ihren Gesundheitszustand nur mit viel Disziplin erhalten können und deren Gesundheitskurse nicht mehr stattfinden oder die z.B. nicht mehr zur Wassergymnastik gehen können?

Und: wie machen wir das eigentlich unseren Kindern klar, die gerade stundenlang an ihren Bildschirmen sitzen und denen dabei sogar das Schulfach Sport am Monitor mittels schriftlicher Aufgaben “vermittelt” wird? Eine verkehrte Welt, in der Bewegung nichts wert zu sein scheint.

Hier die Studie in der kurzen Zusammenfassung.

Titel der Studie

Vergleich der Häufigkeit von Krankenhausaufenthalten, der Aufnahme auf der Intensivstation (ICU) und der Mortalität bei Patienten mit COVID-19, die durchweg inaktiv waren, eine Aktivität ausführten oder die Richtlinien für körperliche Aktivität konsequent erfüllten.

Methode

Wir identifizierten vom 1. Januar 2020 bis zum 21. Oktober 2020 insgesamt 48.440 erwachsene Patienten mit einer COVID-19-Diagnose, wobei vom 19. März 2018 bis zum 18. März 2020 mindestens drei Messungen der Vitalfunktionen durchgeführt wurden. Wir haben die selbst gemeldete Kategorie der körperlichen Aktivität jedes Patienten (konsistent) verknüpft inaktiv = 0–10 min / Woche, einige Aktivität = 11–149 min / Woche, konsequentes Einhalten der Richtlinien = 150 + min / Woche) zum Risiko von Krankenhausaufenthalten, Aufnahme auf die Intensivstation und Tod nach COVID-19-Diagnose. Wir führten eine multivariable logistische Regressionskontrolle für demografische Daten und bekannte Risikofaktoren durch, um zu bewerten, ob Inaktivität mit COVID-19-Ergebnissen verbunden war.

Ergebnisse

Patienten mit COVID-19, die durchweg inaktiv waren, hatten ein höheres Risiko für Krankenhausaufenthalte (OR 2,26; 95% CI 1,81 bis 2,83), Aufnahme auf die Intensivstation (OR 1,73; 95% CI 1,18 bis 2,55) und Tod (OR 2,49; 95%) CI 1,33 bis 4,67) aufgrund von COVID-19 als Patienten, die konsequent die Richtlinien für körperliche Aktivität erfüllten. Patienten, die durchweg inaktiv waren, hatten auch ein höheres Risiko für Krankenhausaufenthalte (OR 1,20; 95% CI 1,10 bis 1,32), Aufnahme auf die Intensivstation (OR 1,10; 95% CI 0,93 bis 1,29) und Tod (OR 1,32; 95% CI 1,09 bis) 1,60) aufgrund von COVID-19 als Patienten, die sich körperlich betätigten.

Fazit der Autoren

Die konsequente Einhaltung der Richtlinien für körperliche Aktivität war stark mit einem verringerten Risiko für schwerwiegende COVID-19-Ergebnisse bei infizierten Erwachsenen verbunden. Wir empfehlen, die Bemühungen zur Förderung der körperlichen Aktivität von den öffentlichen Gesundheitsbehörden zu priorisieren und in die routinemäßige medizinische Versorgung einzubeziehen.