Der Faustische Gesundheits-Pakt

Droht uns ein Leben hinter der Pay-Wall der Pharma-Industrie?

Vorab: dieser Text bewertet nicht, er soll lediglich ein wenig zum Nachdenken anregen. Dazu werden Metaphern und Stilmittel verwendet, die helfen sollen, in verschiedene Richtungen zu denken. Frei nach dem Motto Sokrates´: „woher weiß ich, dass alles wahr ist und was wäre, wenn ich falsch liege?“ Weil mir das auch geholfen hat, schreibe ich die folgenden Zeilen und hoffe, du bleibst bis zum Ende dabei!

Ich erinnere mich gut – und ehrlich gesagt nicht immer mit Vergnügen – an die gelben Reclam-Hefte, die wir in der Schulzeit zu bearbeiten hatten. Denn oftmals war der darin enthaltene Stoff schwer, abstrakt, auch alt und deshalb nicht immer vergnüglich. Eher eine Pflichtaufgabe, die es abzuhaken galt. Doch je mehr Jahre ins Land ziehen, umso häufiger tauchen die Weisheiten dieser Schriften in den unterschiedlichsten Zusammenhängen auf. So merkt der Schüler erst lange nach Beendigung seiner Schulzeit, dass diese Werke das Prädikat „Klassiker“ zu Recht verdienen.

Denn sie können helfen, aktuelle Zusammenhänge zu erkennen und das Verhalten der Menschen zu verstehen. Denn letzteres scheint sich in all den Jahrzehnten und Jahrhunderten kaum verändert zu haben. Hätten wir das bereits in der Schule gewusst, wären wir womöglich mit mehr Ernsthaftigkeit an diese Werke gegangen. So aber muss man erst seine eigenen Erfahrungen machen, um es zu verstehen. Auch in dieser Hinsicht scheint sich der Mensch kaum zu ändern.

Das kostbarste Gut: Gesundheit

Doch kommen wir zum eigentlichen Thema. Mich beschäftigt das Thema Gesundheit nun viele Jahrzehnte, es ist meine Profession, denn ohne Gesundheit geht gar nichts in meinem beruflichen wie auch privaten Umfeld. Ich lebe von der eigenen Gesundheit genauso wie von der Gesundheit meiner Kunden. Ich unterschreibe die Volksweisheit „Gesundheit ist das höchste Gut“ mit bestem Wissen, Gewissen und voller Inbrunst. Mit diesem Wissen ist die Motivation verbunden, dieses höchste Gut bei mir und anderen zu sichern, wiederherzustellen und zu verbessern. Das ist mein Antrieb, meine Leidenschaft.

Ja, Gesundheit ist wertvoll. Das wissen andere auch. Doch Wissen und Handeln sind zwei unterschiedliche Dinge.

Bitte Klick hier zum vorherigen Artikel: Salutogenese vs. Pathogenese – Kampf der (Gesundheits-)Welten?

Auch wenn ich dabei mit gewissem Argwohn zusehen muss, wie viele Menschen dieses eigene Gut ohne Respekt ge- und verbrauchen, so respektiere ich das dennoch. Schließlich gibt es ein weiteres, sehr kostbares Gut, das schützenswert ist: die Eigenverantwortung. Ich halte sie, ebenso wie die persönlichen Freiheit, für ein Refugium, das nicht angetastet werden sollte. Umso mehr fühlt sich derjenige eingeschränkt, der diese Werte vehement vertritt und auch anderen Menschen gewährt. Letzteres nennt man dann Toleranz.

Gesundheit bitte abgeben!

Sollten wir diese individuellen Rechte abtreten? Also einfach so abgeben wie einen Mantel an der Theatergarderobe? Wer es einfach haben will im Leben, der mag das so machen. Doch diejenigen, die ihr Leben reflektiert und verantwortungsbewusst gestalten, dürften damit ihr Problem haben. Um es schon jetzt auf den Punkt zu bringen: wir haben die Hoheit über unsere Gesundheit abgegeben, vielleicht für immer. Und ich möchte meinen Standpunkt dazu erklären.

Heute, im Jahr 2022, entscheidet nicht mehr das Individuum darüber, ob es gesund ist. Selbst wenn jemand gesund ist, so genügt das nicht mehr. Für offiziell gesund wird nur der erklärt, der bereit ist, sich einem Test zu unterziehen, der mit dem Stempel der Pharmaindustrie zertifiziert wird.

Damit wird die Gesundheit entwertet – sie ist im Grunde nichts mehr wert. Schließlich wird der Wert nun durch andere bestimmt. Damit haben wir die Selbstbestimmung über diesen Bereich abgegeben, sogar freiwillig aufgegeben.

Als Gegenleistung – die keine ist – kann derjenige seine zuvor entwendeten Freiheitsrechten zurückerhalten, der den Bedingungen dieses Tauschgeschäfts bedingungslos zustimmt. Dafür wird er gelobt. Diejenigen hingegen, die Bedenken anmelden, werden öffentlich geächtet, fast denunziert.

Schlechte Tauschgeschäfte als Warnung

Wem etwas entwendet wird, was er danach ausschließlich im Tausch gegen ein – weiteres – wertvolles persönliches Gut wieder zurückbekommt, der macht keinen guten Deal. Ganz im Gegenteil, dies ist ein Verlust-Szenario. Dieses System kennt man eher als Betrug, Erpressung oder auch als Form des Kidnappings.

Es ist wie der Faustische Pakt des Dr. Heinrich Faust, der seine Seele eintauscht gegen das Versprechen Mephistos, alle seine Wünsche zu erfüllen. Und an diesem Punkt kommen die gelben Reclam-Hefte wieder ins Spiel. Keines dieser windigen Tauschspiele hat in der großen, alten Literatur zu einem guten Ergebnis geführt.

Das Bildnis des Dorian Gray von Oscar Wilde bemüht ein ähnliches Bild. Im wahrsten Sinne des Wortes, denn Dorian Gray wünscht sich die ewige Jugend im Tausch gegen seine Seele. Während er jung bleibt, altert sein Porträt und nimmt die Züge seines mehr und mehr verdorbenen Verhaltens an. Das Ende ist tragisch und als Fazit mit dem von Goethes Dr. Faust vergleichbar.

Die Monetarisierung der Gesundheit

Und selbst in der neueren Literatur sieht man am Beispiel des Romans von James Krüss „Timm Thaler und das verkaufte Lachen“, welches Ende wir von unmoralischen Tauschgeschäften erwarten dürfen. Nichts Gutes! Auch Hauptfigur Timm Thaler, der der Verführung nicht widerstehen kann, sein ansteckendes Lachen gegen die Fähigkeit einzutauschen, jede Wette zu gewinnen, die er eingeht, zahlt am Ende einen hohen Preis. Erst spät merkt er, wie wertvoll das persönliche Gut des Lachens im Vergleich zu einer gewonnen Wette ist.

Hätte man allen drei genannten Hauptakteuren – Dr. Faust, Dorian Gray oder Timm Thaler – nicht erklären können, welch unverhältnismäßiges Tauschgeschäft sie eingehen? Heute würde man diesen Personen Merkmale wie fehlendes Selbstvertrauen, nicht vorhandene Eigenverantwortung, Egozentrik und sogar unmoralisches Verhalten attestieren. Da Literatur ja immer auch die Gesellschaft reflektiert und in einem Schauspiel gewissermaßen vorführt, sehen wir hier womöglich genau die Defizite, die uns in die Arme der Mephistos der Gegenwart treibt.

In der Reihe dieser Literaturbeispiele würde es sich bestens einreihen, wenn ein Mensch seine mühsam und mit viel Eigenverantwortung und Disziplin erworbene Gesundheit an eine scheinbar höhere Macht abzutreten gewillt wäre, wenn er dafür etwas anderes bekäme, zum Beispiel Freiheit. Doch niemand würde diesen Tausch eingehen, wenn er wüsste, dass ihm diese Freiheit zuvor ohne Einwilligung entzogen wurde. So einfältig kann niemand sein, würde der Leser erkennen.

Mephisto im neuen Gewand?

Befinden wir uns inmitten eines Faustischen Paktes? Überziehen wir das Bild, um einem absurden Tauschgeschäft eine Geschichte zu geben. Angenommen, es stünde eine Familie vor einem Restaurant, Eltern mit zwei Kindern, alle kerngesund, sportlich und mit einem hohen Anspruch an eine gesunde, eigenverantwortliche und disziplinierte Lebensweise, doch es wird ihnen der Eintritt verweigert. Denn sie stehen unter dem Generalverdacht, krank zu sein. Wie erklären wir unseren Kindern, nur mit einem Stempel am normalen Leben teilnehmen zu dürfen?

Im Innenraum hingegen erspäht der Beobachter übergewichtige, ganz offensichtlich bewegungsscheue Menschen, die zudem dem Alkoholkonsum nicht abgeneigt zu sein scheinen und in Gesprächspausen umgehend den Weg in die Raucherecke suchen. Wer sich diese Situation vor Augen führt, der kann nur zu einem Ergebnis kommen. Wir haben die Chance auf ein Happyend womöglich längst verspielt.

Wenn Mittelsmänner eigene Interessen vertreten

Wenn wir so handeln, ist Gesundheit nichts mehr wert! Denn das, was wir in einem schlechten Tauschgeschäft ab- und damit aufgeben, existiert nicht mehr. Es zurückzuholen wird unmöglich, wenn der Erwerber seinen Profit darin sieht. Er wird es nicht zurückgeben!

Und auf der anderen Seite stehen die Betrogenen. Ohne eigene Lobby. Alleingelassen.

Gäbe es schlaue Menschen, die von sich behaupten, das Wohl der Menschen als Antriebsfeder ihres Tuns zu betrachten – nennen wir sie einfach Politiker – sollte man meinen, sie sollten bessere Ideen haben. Oder sogar noch mehr, nämlich den unbedingten Willen, die individuelle Gesundheit zu fördern, Anreize zu schaffen, Informationen zu geben, zu motivieren, anzuleiten und damit eine positive Entwicklung zu fördern.

Ist das Hauptanliegen dieser Gruppe jedoch, den Menschen etwas abzunehmen und es als Mittelsmänner in einem eigenen Tauschgeschäft mit einem mächtigen Verhandlungspartner zu eigenen Gunsten, und mit persönlichen Profit verbunden, einzutauschen, so würde ein fiktiver Roman schlicht von Betrug, Hintergehung und Täuschung handeln.

Der Leser würde mit dem Zuklappen der letzten Seite seines Reclam-Heftchens die Moral von der Geschichte wohl verstehen. Zugleich würde er glauben, so einfältig kann niemand sein. Und er wäre sich sicher, man hätte aus den Erlebnissen des Dr. Faust, des Dorian Gray und des Timm Thaler nichts gelernt.

Der neue Besitzer bestimmt die Regeln

Denn am Ende bestimmt nicht mehr der die Regeln, der einstmals im Besitz des eingetauschten Gutes war, sondern es ist der neue Besitzer, der das Zepter schwingt. Die Rückgewinnung dieses – wie man ja sagt kostbarsten – Gutes, wird unmöglich, wenn es zudem Mittelsmänner gibt, die sich an dem Tauschgeschäft bereichern. Dann steht der Verlierer auf einsamen Posten und muss sich eingestehen, ein Leben nach den Regeln der anderen führen zu müssen. Das Grundprinzip des Knebelvertrags.

Es ähnelt der im deutschen Strafgesetzbuch unter §239a STGB normierten Straftat gegen die persönliche Freiheit , expressis verbis „wer eine bereits bestehende Zwangslage eines Menschen zu einer Erpressung ausnutzt“.

Die Gedankenlosigkeit kann also durchaus fatale Folgen haben.

Die drohende Pay-Wall des Lebens

Lassen wir das zu, leben wir zukünftig hinter der Pay-Wall einer Industrie, deren Business-Model ausschließlich von Krankheiten lebt (Umsatz 2019 weltweit: 1.007,44 Mrd. Euro!). Und was können wir dagegenhalten, wenn wir unsererseits die Gesundheit bereits eingetauscht haben? Wir werden zum Spielball, von einer Seite zu anderen getreten und unfähig, selber zu agieren. Die erste Halbzeit scheint bereits gelaufen zu sein und wir liegen nicht in Führung.

Industrielle Monopolstellung verhindern

Selbst unter Würdigung großartiger Erfindungen der genannten Industrie, ist es ratsam, die Unabhängigkeit zu wahren, die Eigenverantwortung zu stärken und den Menschen zu helfen, einen gesunden und dahingehend motivierten Lebensstil zu finden und zu realisieren.

Die Chancen, auf dieser Basis eine körperlich und geistig gesunde Gesellschaft zu entwickeln, stünden sicherlich sehr gut. Man müsste es nur wollen.

Partner in Sachen Gesundheit? Ehrlich und fair?

Und wer glaubt, mit der Pharmaindustrie einen Partner an der Seite zu haben, der mit sauberen Mitteln agiert, dem sei nahegelegt, sich mit den Praktiken der Global Player zu beschäftigen. Im Zeitraum von 2003 bis 2016 haben allein in den USA elf der größten Konzerne rund 28,8 Mrd. Dollar an Bußgeldern zahlen müssen (Link unten), um sich von der Verurteilung illegaler Aktivitäten freizukaufen. Wenn z.B. Pfizer mit fast 3 Milliarden USD Strafgeldern belegt wird, dieser Betrag aber nur 0,36% des Gesamtumsatzes (siehe Tab. unten „% of total revenues“) ausmacht, so darf angenommen werden, dass derartige Strafen in den Preisen der Produkte bereits einkalkuliert sind.

Erinnern wir uns an den Diesel-Skandal und die Software-Schummelei der Automobilkonzerne? Während sie weltweit durch die Presse gejagt wurden, wie einst geteert und gefedert durchs Dorf getrieben, so haben wir es hier mit einer ganz anderen Dimension zu tun. Es thematisiert nur niemand. Wir müssen also selber versuchen, solche Informationen einzuholen. Wer objektiv informiert sein möchte, darf dies als Holschuld (die Verpflichtung, sich etwas zu verschaffen) ansehen.

Wer das nicht tut, verlässt sich auf andere. Das kann gut gehen, eine Garantie dafür gibt es nicht.

Was will ich damit zum Ausdruck bringen?

Ich habe in meinem wissenschaftlichen Studium viel über die Gütekriterien wissenschaftlicher Tests lernen dürfen. Diese Gütekriterien sind Objektivität, Repräsentativität, Validität und Reliabilität. Bei genauer Betrachtung z.B. der Zulassungsstudien drängt sich die Vermutung auf, dass die gewünschten Ergebnisse nur mit äußerst fragwürdiger „Zahlenakrobatik“ zustande gekommen sind. Von den Gütekriterien jedenfalls keine Spur.

Kritische Distanz wahren

Allein deshalb sollte gegenüber einer Industrie, und ganz besonders der genannten, immer eine gesunde, kritische Distanz gewahrt sein. Das kann nie verkehrt sein. Und dieser Aspekt soll die Quintessenz dieses Artikels sein. Nicht mehr und nicht weniger. Ich hoffe, dieses Ziel erreicht zu haben.

Zum Schluss dieses Beitrags eine Tabelle, die zum Nachdenken Anlass gibt (Quelle: Link unten).

Danke!

Danke, lieber Leser, dass du meinen Zeilen deine wertvolle Zeit gewidmet hast. Sie sollen niemanden in seiner persönlichen Entscheidung kritisieren, das ist nicht Sinn und Zweck dieses Beitrags. Doch sollten wir den Entwicklungen immer mit gesundem kritischen Geist gegenüberstehen. Das hat noch nie geschadet.

Interessante Links zum Thema „Pharmaindustrie“:

Zulassungsstudie: „Eine 95%-Wirksamkeit bedeutet eigentlich recht wenig“ > KLICK

Financial Penalties Imposed on Large Pharmaceutical Firms for Illegal Activities > KLICK

Korruption im Gesundheitswesen > KLICK

Milliardenstrafen: pharmaceutical firms pay for their illegal practices > KLICK

Escalating criminal and civil violations: pharma has corporate integrity? Not really:

https://www.bmj.com/content/347/bmj.f7507

Kampf der (Gesundheits-)Welten – Salutogenese vs. Pathogenese > KLICK

Das AXIOM – der unbewiesene Grundsatz > KLICK

Pharma-Konzerne bezahlen jährlich 2.5 Mrd. Dollar Bußgelder > KLICK

Erpresserischer Menschenraub – Wikipedia > KLICK

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