Triathlon: Weltrekord durch Jan Frodeno – eine Spurensuche

Hat es das nicht alles irgendwie schon einmal gegeben?

7:27:53 Stunden – so lautet die neue Weltbestzeit im Langdistanz-Triathlon. Aufgestellt von Jan Frodeno an einem regnerischen Tag im Allgäu, mehr oder weniger im Alleingang. Zwar war mit Lionel Sanders ein Duell arrangiert – doch hat dieses Duell, eigentlich wie erwartet, nie wirklich stattgefunden. Stattdessen kämpfte Frodeno mehr als sieben Stunden gegen die Uhr, gegen das Nachlassen und um eine Bestmarke, die womöglich für viele Jahre Bestand haben könnte. Deshalb bietet sich ein Blick in die drei Disziplinen an, um die Frage zu klären, wo der Leistungsschub herkommt.

Blicken wir in die Zwischenzeiten: 45:58 Minuten für 3,8 Kilometer Schwimmen, 3:55:22 Stunden für 180 Kilometer Radfahren und 2:44:21 Stunden für den abschließenden Marathon. Beeindruckend. Und doch mag der Insider bemerken, diese Zeiten im Spitzenbereich schon einmal gesehen zu haben. Sind sie also doch nicht von dieser Welt?

Als Sportfan muss man diese Leistung einfach begeistert diskutieren. Ich möchte das hier einmal machen, weil ich so fasziniert bin wie viele andere auch. Deshalb vorweg: herzlichen Glückwunsch an Jan Frodeno und danke für die Inspiration, die Sportler aller Leistungs- und Altersklassen mitnehmen dürfen.

Neue Zeitrechnung durch die überragende Radleistung?

Tatsächlich sind einige der Splitzeiten auch schon von anderen Athleten erzielt worden. Ein Beispiel:

1997 erzielte Luc Van Lierde in Roth mit 7:50:27 Stunden eine Weltbestzeit mit Splitzeiten von 44:51 / 4:28:47 / 2:36:39 (!). Und auch der letzte Weltbestzeithalter vor Frodeno, nämlich Andreas Raelert konnte 2011 bei seiner Endzeit von 7:41:33 Stunden mit 46:18 / 4:11:43 / 2:40:52 durchaus in Frodenos Leistungsklasse performen. Es sieht so aus, als deuten die Leistungen bei der neuen Weltbestzeit zumindest in zwei Disziplinen nicht sofort auf ein völlig neues Leistungsniveau hin. Wäre da nicht diese eine Disziplin, die eine neue Zeitrechnung eingeleitet hat: das Radfahren.

Sowohl Van Lierde wie auch Raelert wären bei vergleichbarer Radleistung sogar schneller als der neue Weltbestzeit-Inhaber gewesen. Das ist erstaunlich und lässt einige Spekulationen zu. War Frodeno und seinem Trainer klar, dass es nur eine Chance auf den Rekord geben könne? Nämlich mit einer fulminanten Radleistung?

Wir begeben uns mal an den Triathlon-Stammtisch und diskutieren ein wenig drauflos. Ohne Anspruch auf eine wissenschaftliche Analyse!

Spekulation 1: Volles Risiko beim Radfahren

Womöglich war es die Kalkulation Frodenos, auf dem Rad alles zu riskieren, um diesen größten “Zeitblock” innerhalb der Langdistanz bestmöglich für sich zu nutzen. Volles Risiko also genau in der Disziplin, die am meisten Zeitreduktion ermöglicht? Vielleicht deshalb auch ein eher konservatives Schwimmen mit einem 1:12er-Schnitt pro 100 Meter? Sozusagen eher kalkuliertes Risiko und dann die Attacke.

Spekulation 2: Technischer Fortschritt

Ist es womöglich dem technischen Fortschritt der Zeitfahrräder geschuldet, dass Frodeno, verglichen mit Van Lierde, auf einem völlig anderen Leistungsniveau unterwegs war und ihm über 30 Minuten abnehmen konnte? Sieht man sich die Technik der heutigen Räder an, so darf ein Zeitvorteil angenommen werden. Sicherlich kann man ihm keine halbe Stunde zuschreiben, denn am Ende ist es der Athlet, der das Sportgerät mit seiner Muskelkraft bewegen muss.

Spekulation 3: Spezifisches Training

Oder ist es Trainer Dan Lorang, der sich schon lange Zeit als Trainer im Profi-Radsport einen Namen gemacht hat und Frodeno gerade in dieser Disziplin Flügel verleihen konnte? Ist spezifisches Rad-Training der Baustein gewesen, diese Leistung zu erzielen? Durchaus wahrscheinlich.

Eine komplexe Leistung für ein neues Triathlon-Kapitel

Es ist interessant zu spekulieren. Fest steht: niemand hat es bislang geschafft, alle drei Disziplinen auf diesem Leistungsniveau miteinander zu verbinden. So gesehen, hat Jan Frodeno doch ein neues Kapitel im Langdistanz-Triathlon aufgeschlagen! Eine faszinierende Leistung. Zudem im Alleingang realisiert.

Das Laufen bleibt die Problemdisziplin für alle!

Gleichzeitig bleibt aber auch die Erkenntnis, dass das Laufen immer noch DIE Problemdisziplin auf der Langdistanz des Triathlons darstellt. Eine 2:44er-Zeit, d.h. ein Schnitt von 3:53Min/Km, würde Frodeno im ausgeruhten Zustand und sogar in jedem Training als gemütliches Jogging bezeichnen. Nach der enormen Vorbelastung jedoch, ist selbst ein GA1-Tempo über die 42,195-Kilometer-Distanz offensichtlich die Grenze des Machbaren. Auch für die Besten der Triathlonwelt.

Interessant, selbst der beste Triathlet aller Zeiten hat am Ende Probleme, eine für ihn adäquate Laufleistung abzuliefern. Liegt hier der nächste große mögliche Fortschritt im Spitzenbereich? Werden Athleten bald deutlich unter der 2:40-Stunden-Marke bleiben (müssen) oder wird die Konzentration weiter auf der Verbesserung der Radleistung liegen? Vielleicht liegt der nächste große Fortschritt auch im Übergang vom Radfahren zu einer überragenden Laufleistung.

Offenbar finden wir an dieser Stelle den neuralgischsten Punkt im Langdistanz-Triathlon. Selbstverständlich waren die kühlen Temperaturen am Wettkampftag einer überragenden Laufleistung nicht zuträglich. Man weiß es nicht. Doch wir wollen ja auch ein wenig spekulieren. Viele offene Fragen, ebenso wie die möglichen Learnings für uns Amateure.

Was können wir Agegrouper aus diesen Überlegungen lernen?

Lerneffekt 1: Koppelläufe

Wenn selbst das Training der Spitzenathleten nicht reicht, um einen schnellen Marathon zu laufen, müssen wir dann umso mehr daraufhin trainieren, einen stabilen Lauf absolvieren zu können? Die ganzjährige Integration von Koppelläufen scheint demzufolge eine logische Schlussfolgerung zu sein. Schließlich wird eine Instabilität der Laufleistung im Anschluss an das Radfahren beim Amateur womöglich noch ganz andere Probleme und Zeitverluste offenbaren.

Lerneffekt 2: Schwimmen bestimmt alles weitere

Ein offensichtlich gut dosierter Auftakt im Schwimmen spart Energie, die beim größten Zeitblock – das Radfahren macht über die Hälfte der Gesamtzeit aus – innerhalb der Langdistanz besser genutzt werden kann. Aber: energiesparend kann nur der schwimmen, der über ein exzellentes Schwimmniveau verfügt. Ansonsten läuft man beim Schwimmen Gefahr, in der Absicht Energie sparen zu wollen, einfach nur langsamer zu schwimmen. Merke: Schwimmen ist der Auftakt des Rennens und beeinflusst folglich alles, was danach passiert!

Lerneffekt 3: Strategie

War der Radsplit Frodenos vielleicht sogar zu schnell, und etwas zu ambitioniert, angesichts der “mäßigen” Marathonleistung? Vielleicht sogar ja. Pacing ist auf der Langdistanz die Schlüsselkompetenz, wenn es um die individuell beste Leistung geht. Im Regelfall ist die Gleichmäßigkeit der Belastung in allen drei Disziplinen anzustreben. Es lohnt sich, die verschiedenen Szenarien durchzuplanen, die Ernährung anzupassen und sich im strikt an die eigene Strategie zu halten. Diese Form der Rennvorbereitung ist ein Erfolgsfaktor.

Fazit: es macht einfach Spaß, die verschiedenen Aspekte einmal zu diskutieren. Die 3-Punkte-Liste erhebt dabei keinen Anspruch auf Vollständigkeit. Doch allein die Überlegungen sind schon interessant. Viel Spaß bei der Diskussion auch in deiner Triathlon-Experten-Fan-Runde.

Und: Viel Erfolg bei deinem nächsten Langdistanz-Triathlon!