Milchmädchen-Rechnung

Blog-Luening-Wasser-GoetheEine recht typische Situation: Hektik in der Mittagspause! Zwischen Terminen und Pflichten schnell ein Schwimmtraining einbauen – wann soll es auch sonst möglich sein? Also schnell in´s Auto und ab zum Schwimmbad. Zwei knackige Kilometer müssen schon drin sein.

Angekommen und festgestellt, dass die Badehose noch im Badezimmer liegt. Das ganze Zeitkonstrukt droht zusammen zu brechen. Doch da erscheint der Retter. Ein Schwimmerkollege, den ich seit über 20 Jahren kenne, bietet mir seine Zweithose an. Training gerettet.

Ich weiß, dass Achim ca. 20 Kilometer entfernt arbeitet. Und so frage ich ihn nach meinem 40-Minuten-Programm, ob er heute frei habe. Als er sagt, dass er gleich wieder an seinen Arbeitsplatz fährt, wird mir auf ein Mal das ganze Dilemma der Diskussionen um öffentliche Bäder bewusst.

In seinem heimatlichen Schwimmbad dürfe man Mittags nicht mehr Kraul schwimmen. Deshalb müsse er ausweichen. Wenn es nicht so traurig wäre, würde man den zuständigen Politikern eine gehörige Portion Witz zugestehen. Die Sache ist aber leider ernst.

Und bei uns in Offenbach schwelt die Diskussion um das letzte verbliebene öffentliche Bad. Die Politik meint, es wäre angebracht, dieses Bad in den Wintermonaten nur noch für Vereine und Schulen zu öffnen, um die Personalkosten zu reduzieren. Man fragt sich bei diesem Pseudo-Versuch, die Haushaltskassen zu entlasten, ob die Schwimmbäder als Bauernopfer herhalten müssen. Man kann davon ausgehen, dass weder dickleibige Politiker selber schwimmen, noch ihre Familie oder deren Freunde.

Nehmen wir das Beispiel meines Schwimmerkollegen Achim, der mir auf die Frage nach dem enormen Aufwand entgegnet: „Klar ist das eine Menge Fahrerei. Aber am Ende dient es meiner Gesundheit und meinem Wohlbefinden. Was bleibt mir übrig, wenn mir das etwas wert ist?“ Und dann bekommen diese Milchmädchen-Rechnungen plötzlich eine andere Dimension. Wie sähen denn einige Konsequenzen aus, wenn man weiter Bäder schließt? Geht es nicht um mehr als Lokalpolitik? Szenarien …

1. Begeisterte Schwimmer nehmen weite Wege auf sich, verbrauchen Benzin und müssen wohl oder übel eine Umweltbelastung in Kauf nehmen. Neben dem ungewollten Anschlag auf die Öko-Bilanz auch eine Frage der finanziellen Möglichkeiten. Schwimmen als Luxus-Gut?

2. Begeisterte Schwimmer verzichten auf die weiten Wege und reduzieren ihre sportlichen Aktivitäten. Sicher nicht im Sinne einer ohnehin schon degenerierten und gesundheitlich angeschlagenen Gesellschaft. Und das betrifft den 5-jährigen genauso wie den 75-jährigen Schwimmfreund.

3. Wenn Gelegenheiten fehlen, um zu schwimmen, dann fehlen die vor allem Kindern und Jugendlichen. Nämlich um die schwimmerischen Fähigkeiten zu erlangen, um im Sommer oder im Urlaub unbeschwert Spaß haben zu können. Dann müsste man aus Sicherheitsgründen im Sommer auch die Bäder und die Badeseen schließen. Das Risiko eines Unfalls wäre viel zu hoch. Am besten schließt man dann auch gleich alle Strände und Küstengebiete – zugegeben, das ist etwas übertrieben.

Blog-Luening-WasserUm mal eine persönliche Meinung abzugeben. Ich kann diese übergewichtigen, selbstverliebten Volksvertreter nicht mehr sehen. Das Leben in einer entkoppelten Parallelwelt entfernt die Politik immer mehr vom Volke. Politiker zu sein, scheint mir immer mehr ein Selbstzweck zu sein. Ich habe es mir deshalb abgewöhnt, mir Namen zu merken. Das schützt mich vor zunehmendem persönlichem Unmut.

Und dennoch kann es doch nicht sein, dass man sich auf der Nase herumtanzen lässt. Deshalb an dieser Stelle mal ein großer Dank an all die Ehrenamtlichen in den Vereinen, die sich für den Weiterbetrieb der Bäder einsetzen. Das sind die wahren politischen Helden unserer Zeit!

4 Gedanken zu „Milchmädchen-Rechnung

  • 6. Februar 2013 um 10:29
    Permalink

    Hi Holger,

    Volle Zustimmung! Fahre auch morgens immer nach OF schwimmen, obwohl ich in AB arbeite. Haben zwar das vitamar hier in Klein-ostheim, aber das ist vollkommen überteuert und dazu noch völlig überfüllt. Würde mich auch nicht wundern, wenn das Kraulen dort auch bald verboten wird. Ich hoffe nur, das die Rosenhöhe auch im Sommer für Mitglieder vor 8 aufmacht….ansonsten hab ich ein echtes Problem.

    VG Flo

    Antwort
  • 6. Februar 2013 um 11:12
    Permalink

    Schwimmen stärkt den Herzmuskel,
    fördert die Lungenfunktion,
    stärkt die Abwehrkräfte,
    verbessert die Durchblutung aller Muskeln,
    regt den Kreislauf an,
    unterstützt bei der Stressbewältigung,
    hilft bei Haltungsschäden, Verspannungen und
    Gelenkproblemen,
    beansprucht viele unterschiedliche Muskelpartien etc.

    Fazit: Gesundheitskassen (nicht Krankenkassen) könnten, besser sollten sich hier einbringen…

    Antwort
  • 6. Februar 2013 um 16:44
    Permalink

    Hey Holger! Dein Blogeintrag spiegelt auch meine Gedanken wider. Schade, dass hier am falschen Ende gespart wird. 🙁 Ich hoffe, dass viele Kommunen und Städte so vernünftig sind und nicht diesem sinnlosen Trend des Bäderschließens folgen.
    Ich muss sagen, dass ich das Glück habe, ein Bad im Ort zu haben, dass in den letzten Jahren immer wieder modernisiert wurde. Dafür haben wir zu bestimmten Zeiten viel „Treibgut“ (Du weisst, was ich meine) im Wasser… 😉 Aber es könnte schlimmer kommen!

    Antwort
  • 7. Februar 2013 um 9:22
    Permalink

    Bravo Holger, es ist schon bedenklich, wie Städte und Kommunen mittlerweile unter dem Diktat des Sparzwangs ihre öffentlichen Aufgaben nur noch eingeschränkt wahrnehmen. Das wird uns dann als alternativlos verkauft.

    Antwort

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.