2019: Mach dich mal frei!

Alles Gute für das Neue Jahr 2019, lieber Leser!

Mottos sind immer hilfreich. Manchmal sind es ganz persönliche Merksätze, verbunden mit Herausforderungen, Wünschen oder auch guten Vorsätzen. Vor allem können sie uns bewegen und dauerhaft motivieren. Und der Jahresanfang ist für solche “Hausaufgaben” bestens geeignet.

Mir passiert es immer häufiger, dass, wenn ich mit Sportlern spreche, mir Fachmagazine anschaue oder mir einfach nur mal einen Marktüberblick über das verschaffe, was mit unseren Disziplinen Schwimmen, Radfahren und Laufen produkttechnisch mittlerweile möglich ist, ich das Gefühl habe, es bestünde die Gefahr, die Technik gewinnt etwas zu viel an Bedeutung.

Bist Du ein “Trackie”?

Das Tracken der eigenen Leistung steht dabei ganz weit im Vordergrund und ist sicher der Trend der vergangenen Jahre. Doch wenn z.B. beim Schwimmtraining das korrekte Abstoppen der Zeit am Handgelenk wichtiger wird als das Timing des Anschlags oder gar als der Weg dorthin, dann verfehlt dieses Tool seinen Sinn.

Vor Kurzem las ich einen Artikel in der Zeitschrift ramp Ausgabe 43, der mich an viele Trainingsszenen erinnerte und mich mit seinen Vergleichen zum Schmunzeln brachte. Ein Textauszug aus dem Artikel “42? Das lässt sich noch steigern!“, Seite 45:

” … Die Verheißung quantitativer Selbstperfektionierung als Leitbild von Phänomen wie “Quantified Self” und “Inner Engineering” inspirierten den Philosophen Konrad Liessmann zu der Feststellung, dass wir augenblicklich Zeugen eines Verkehrungsprozesses würden, der die Kultur der Spätmoderne auszeichne, und heute ist gemeint, dass viele, sehr viele Menschen sich heute aus freien Stücken auf Dinge einlassen, die früher zum Inventar der Zwangsmaßnahmen autoritärer Regime und totalitärer Gesellschaftsentwürfe gehörten. … Man braucht die Leute gar nicht mehr ideologisch zu indoktrinieren, sondern sie schnallen sich im Dienste der Selbstoptimierung freiwillig ein Messgerät um, das noch aussehen mag wie eine Armbanduhr, doch eher einer Fußfessel gleicht. … Der spätmoderne Mensch heftet sich immer mehr Techniken der Überwachung und Verhaltenssteuerung freiwillig an, begleitet von einer Rhetorik der Freiheit und Optimierung. … Daten werden zu Statussymbolen: Mein Puls ist besser als deiner. …

Mmmmmh … findet sich der Ausdauersportler in dieser, zugegeben etwas überspitzten, Darstellung wieder? Zum Nachdenken regen diese Zeilen aber sicherlich einmal an, womit sie ihren Zweck erfüllt hätten.

Werde Fan deiner Möglichkeiten

Versuchen wir uns in 2019 einfach mal frei zu machen. Lass deinen Tracker Zuhause liegen, achte mehr auf deinen Atem, hör den Schritt auf dem Waldboden, spüre das wohlige Brennen in den Armen bei jedem Zug und drücke auf das Pedal ohne die Wattwerte im Kopf zu haben. Denn dann wirst du wieder das, was den Sport ausmacht: ein Fan deiner eigenen Möglichkeiten. Dann spürst du deutlich, was du zu leisten im Stande bist. Und nur dann bist du dort, wo du in dem Augenblick sein solltest: in deinem Augenblick. Geist und Körper vereint – wann gibt es das schon!?

Denn: dient dein Training mehr der Aufzeichnung und dem späteren Abgleich mit deinem Performance-Account, in den du deine Daten einspielst, du zu dem Zeitpunkt jedoch gar nicht mehr in der Lage sein kannst, das dazugehörige Gefühl zu reproduzieren, verpasst Du einen einzigartigen Moment mit dir. Er könnte verloren sein. Lass ihn dir nicht nehmen!

Denn Training ist, insbesondere das Ausdauertraining dank seiner wiederkehrenden Bewegungszyklen, einer der ganz seltenen Augenblicke, wo du ganz alleine bei dir sein kannst. Wie Urlaub mit dem Selbst!

2019: Das Jahr des Gefühls

Wie wäre es also, ein Jahr des Gefühls auszurufen? Schwimme dich in Trance, Lauf in den Flow und radle in deinen Tunnel. Vergiss die Welt da draußen und komm dir wieder näher. Dann findest du vielleicht noch viel mehr. Und wenn es “nur” die Faszination der Möglichkeiten ist, Dinge im Alltag zu erleben, wenn du ins Wasser springst, dich auf dein Rad schwingst oder du einfach von der Haustür aus losläufst, von denen viele deiner Mitmenschen keine Ahnung haben. Genau dann, grinse vor dich hin und freue dich über diese (Leistungs-)Erlebnisse. Dass wünsche ich dir, lieber Leser.

Mein Motto für 2019 steht jedenfalls fest: ich mach mich öfters mal frei … und immer mit einem pochenden Herz und einem Lächeln im Gesicht.

Ich wünsche dir alles Gute für das Neue Jahr!

Dein Holger