London-Debakel

Wer hätte das gedacht? Keine Medaille für die deutschen Becken-Schwimmer bei den Olympischen Spielen in London. Doch kommt das wirklich so überraschend? Hört man sich die Interviews nach den Rennen an und schaut in die Gesichter der Sportler, dann kommt man dem Phänomen vielleicht doch auf die Schliche.

Da werden mittelmäßige persönliche Leistungen gut geredet (“für Olympia doch ganz okay”) oder andere Nationen hochgejubelt (“ich freue mich so für die anderen Schwimmerinnen”). Das kann man doch nicht ernsthaft so meinen? Ist es unsere Aufgabe, die Mitbewerber auch noch stark zu reden, wenn wir es selber nicht bringen? Ich glaube nicht. Zumindest aus Trainersicht ist hier doch etwas völlig schief gelaufen. Wenn sich die Athleten derart äußern, stimmt etwas im System nicht. Ganz gleich ob es sich nun um eine Stresssituation handelt oder nicht.

Und dieses System habe ich mir auf Teneriffa während der DSV-Trainingslager intensiv und mehrfach angesehen. Zunächst einmal ist man verwundert, wenn die Kommunikation zwischen Trainer und Athleten während des Trainings auf Sparflamme läuft. Wer die muffeligen Trainer und Sportler aber in das Trainingszentrum gehen sieht – von einem erwiderten “Hallo” mal ganz zu schweigen – der wundert sich schon sehr.

Da ist es nur eine Symbolik, wenn drei aus Deutschland angereiste Wissenschaftler Ihre Meßinstrumente installieren und den eigens für die Tests mitgebrachten Startblock aufbauen. Noch mal zum Verständnis: da bringen die Deutschen im Flieger ihren eigenen Startblock mit nach Teneriffa, um die Schwimmer aus dem Training zu holen, sie ein paar Startsprünge machen zu lassen und dann wieder alles abzubauen. Das geht mir persönlich ein bisschen zu weit.

Vor allem dann, wenn man auf der Nebenbahn die Franzosen sieht, die bei guter Stimmung das Wasser zum Kochen bringen und in der Zeit, wo sich die deutschen Wissenschaftler auf die Suche nach Hundertstel Sekunden begeben, sich mal eben um die Verbesserung im Zehntelsekundenbereich engagieren. Der Erfolg gibt unseren französischen Nachbarn recht.

Am Ende konzentriert es sich auf die fehlende Führung in der Funktionärsriege. Der DSV sollte sich auf die Suche begeben nach einem charismatischen und mutigen Trainer, der die Sportler mitreißt und den Verband als starke Persönlichkeit repräsentiert. So wie das momentan aussieht, haben wir ein hervorragendes Kollektiv, aus dem keiner ausbricht (ausbrechen darf?). Für Individualsportler und ihre Leistungsfähigkeit das Schlimmste, was es geben kann! Das hat man ja nun leider deutlich gesehen.

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Dem deutschen Schwimmsport fehlt ein Diktator

Talente werden systematisch im Keim erstickt 

6 Gedanken zu „London-Debakel

  • 5. August 2012 um 17:13
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    “…charismatischen und mutigen Trainer, der die Sportler mitreißt und den Verband als starke Persönlichkeit repräsentiert.” Ich sehe dieses Stellenprofil als voll auf Dich zutreffend und rate dem DSV Deine in Kürze folgende Bewerbung genauestens und wohlwollend zu prüfen 🙂

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    • 5. August 2012 um 19:34
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      Zum Glück steht ein Smiley hinter deinem Post, Jürgen 😉

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  • 6. August 2012 um 18:40
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    Ich will mir jetzt nicht anmaßen Vorschläge für Personen zu machen, aber momentan wäre ja fast jede Veränderung ein richtiger Schritt.
    – Es kann doch echt nicht sein, dass in einer 4×100 Staffel der Frauen die Trainer sagen, dass Britta S. mit 95% angehen soll. Sind wir hier bei den Kreismeisterschaften?
    – Wieso heißt es dauernd, das erst auf den letzten 20m die Zeit von Britta S. kommt? Da ist der Zug doch schon lange abgefahren!! Egal, ob auf 100 oder gar auf den 50m. Wenn die anderen eine Länge voraus sind ist das “etwas” zu spät.
    – Das mit dem Startblock wäre für Paul B. doch ein gutes Training gewesen. Jeder Start, den ich von ihm gesehen habe, war er erstmal ein halbe Länge zurück. Kein Wunder platzt der nach 150m wenn er das auf den ersten 100 wieder rausholen muss.
    – Wieso hat kaum einer der Deutschen Schwimmer Bestzeiten erzielt? Wenn die anderen dann immer noch schneller sind wäre es ja OK.
    Die machen das doch auch nicht erst seit letzten Jahr.
    Wenn man dann noch sieht, wie die Organisation in den Schwimmverbänden, vom DSV nach unten in die Landesverbände läuft, dann können wir 2016 jetzt schon abschreiben.

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    • 6. August 2012 um 19:06
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      Ganz zu schweigen vom Tipp des Bundestrainers an Paul Biedermann, in seinem Vorlauf über 400m FR doch “mal etwas mehr Beinarbeit zu machen”, woraufhin der Schwimmer selber über einen enormen Kraftverlust spricht, da diese Belastung ja doch recht neu für ihn war. Tja, was soll man da sagen …

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  • 8. August 2012 um 10:14
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    Ja, stimmt. Deswegen lass ich meinen Sohn die 400m von Biedermann auch nicht anschauen. Der soll sich sowas gar nicht erst angewöhnen.

    Was denkst Du eigentlich vom Abstand der Deutschen Meisterschaften bzw. den Europameisterschaften (bei denen die Deutschen ja gute Zeiten abgeliefert haben) zu Olympia (8,5 Wochen) und den Trials der Amerikaner (3,5 Wochen)?
    Meiner Meinung nach ist der 8,5 Wochenabstand nicht “Fleisch und nicht Fisch”, wie es so schön heißt: Zum Niveau halten viel zu lang und für einen 2. Gipfel zu kurz. Die Amerikaner konnten das viel gezielter angehen: kurze Pause, Niveau halten, tapern und dann “Ab die Post”.

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    • 8. August 2012 um 22:08
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      Hi Dirk, diese Periodisierung funktioniert ja auch schon seit vielen Jahren nicht mehr so richtig. Ich denke auch, entweder so nah wie möglich an den Hauptwettkampf rangehen oder eher ein 6-Wochen-Abstand. Das wird in einigen anderen Sportarten erfolgreich praktiziert und scheint mir die bessere Wahl zu sein. VG Holger

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