WM 70.3: Gedanken

Endlich kann ich wieder schmerzfrei laufen. Ich habe mir noch nie solche Schmerzen zugefügt wie bei dem Wettkampf in Clearwater. Wie das kam? Meine Devise war klar: volles Tempo! Beim Schwimmen konnte ich das als Führender und “First-out-of-water” noch schlecht einschätzen, beim Radfahren hatte ich aber relativ schnell die vor mir gestarteten Gruppen eingefangen. 90 Kilometer habe ich gebissen und fast wie hypnotisiert auf die Geschwindigkeitsanzeige gestarrt. Mir war klar, dass auf der flachen Strecke verbotenes Windschattenfahren zu erwarten war. Deshalb durfte mein Tempo auf keinen Fall unter 40 km/h fallen. Wer schon einmal über 2 Stunden auf dem Rad geknechtet wurde, der weiß, dass auch eine flache Strecke dann durchaus hart werden kann. Ziemlich hart sogar!

Als ich dann die Brücke bei Kilometer 89 hinunter fuhr, im Geiste schon in der Wechselzone, rollte eine 10-Mann-Gruppe zu mir auf. Das war das Schlimmste, was mir passieren konnte. Wie oft war es mir schon so wiederfahren. Alleine vorneweg und dann kommen die ausgeruhten Radler und laufen mich in Grund und Boden. Deshalb ging ich auf der Laufstrecke volles Risiko und lief die ersten Kilometer in einem Tempo unter 4 Min/Km an. Das ging bis zur Hälfte des Halbmarathons gut. Als sich dann Krämpfe andeuteten, mußte ich das Tempo reduzieren.

Die letzten 3-4 Kilometer waren so hart, dass ich teilweise mit geschlossen Augen lief, um noch irgendwie die Konzentration zu wahren. Im Ziel angekommen, wußte ich bei der Vermischung der Startgruppen gar nicht, auf welcher Platzierung ich mit meinen 4.11.42 h lag. Als ich dann kurz danach auf dem Hotelzimmer den Live-Ticker sah und hinter mir die Ziffer 3 erblickte, war das ein Zustand äußerster Befriedigung. Was für ein Glück und welch ein  Abschluß einer tollen Saison.

Ich glaube, ich habe bisher in keinem Jahr meines Lebens so viele nette, positiv eingestellte Menschen kennengelernt wie in den letzten Monaten. Und auch sportlich ist 2010 nach 30 Jahren Leistungssport deshalb tatsächlich mein Highlight-Jahr und ich empfinde tiefe Dankbarkeit für all die schönen Erlebnisse. Auch wenn das Training neben vielen anderen Verpflichtungen alles andere als ein Kinderspiel ist, verspüre ich noch immer die unbändige Freude daran. Der Sport und die körperliche Bewegung sind die Glücksbotschafter unseres Daseins. Gehen wir also weiter raus bei jedem Wetter, lassen das Herz pochen, das Blut durch die Adern rauschen, die Drüsen schwitzen und Hormone in Wallung geraten, um das zu erleben, was uns am intensivsten berührt: ein gesundes, zufriedenes Selbst im Einklang mit unserer Umgebung.

6 Gedanken zu „WM 70.3: Gedanken

  • 19. November 2010 um 11:55
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    Gratulation…Deine (Langzeit-)Endorphine haben Dich nicht im Stich gelassen und halten scheinbar immer noch gut an.
    Grüße RALF

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    • 21. November 2010 um 19:55
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      Dauer-High dank Sport – es könnte Schlimmeres geben! Viele Grüße!

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  • 21. November 2010 um 16:10
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    Congratulations Holger! Truly well done – and good that you can walk again! You must be very proud (so should you). Safe bet that you’ll be taking part in 70.3 WM 2011?!

    Lots of love to Solveg, Konner and you from us five in London. Francois and Katharina

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    • 21. November 2010 um 19:53
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      Thank you very much! Today Connor played familiy & and friends with katharina, francois & kids walking up the mountain! Best wishes from germany!

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  • 21. November 2010 um 18:47
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    Hallo Holger,
    super Artikel. Toll geschrieben. Ich kann gut nachvollziehen wie es dir gegangen ist. Großartig. Freut mich sehr für dich, dass du das Stockerl erklimmen konntest. Merke dir, wir führen unseren Sport ehrlich aus. Egal was die Anderen machen. Lieber ehrlich einen etwas schlechteren Platz erkämpfen, als ein Leben lang eine durch Unehrlickeit gewonnene Trophäe anschauen. lg aus österreich

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    • 21. November 2010 um 19:55
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      Stimme dir 100% zu: fair macht einfach auch mehr Spaß!

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