Rolling Start beim Ironman: Besser für den Athleten?

Am vergangenen Sonntag war es wieder soweit: Ironman Germany 2016 in Frankfurt!

Zum ersten Mal konnten Athleten und Zuschauer ein neues Startprozedere am Langener Waldsee erleben. Mit dem „Rolling Start“, bei dem per Pfiff alle 5 Sekunden jeweils 10 Athleten aus dem Startgehege frei gelassen werden, sollen laut Veranstalter schnellere Zeiten und mehr Sicherheit gewährleistet werden. Das klingt nach einem sehr kollegialen Ansatz. Aber ist er das auch wirklich?

Unter den Zuschauern gab es ein klares Votum: „Ohne Kanonenschuss und den Massenstart verliert dieser Wett-bewerb seine Faszination. Dafür muss man sich nicht mehr um 6.30 Uhr an den See begeben!“ Die spektakulären Bilder aus der Luft, wenn sich über 2.500 Sportler schwimmend in Bewegung setzen, blieben aus. Was mir in Erinnerung bleibt, ist der nervige Pfeiffton, welcher alle 5 Sekunden ertönte und ein endloser Startprozess, der sich auf fast 30 Minuten ausdehnte! Das gewohnte Kribbeln, die Aufregung und die Gänsehaut wollten sich bei mir partout nicht einstellen. Ungewohnt! Auf einen Facebook-Post hin kamen dann von Zuschauern, Supporten und später auch den Athleten recht interessante Meinungen zum neuen Start-ablauf. Exemplarisch eine Meinung, die widerspiegelt, wie unklar der Sinn und Zweck des „Rolling Starts“ ist.

ironman-radstrecke-2016„Hab gestern meinen ersten „Rolling Start“ als Athlet erlebt und mir erschließen sich die Vorteile nicht. Der Kanal in dem man schwimmt ist „enger“ als beim Massenstart. Ich hatte das Gefühl durch die Breite beim Massenstart und dem Respekt vor diesem, war das Schwimmverhalten rücksichtsvoller. Ich hab gestern zumindest mehr abgekriegt als die Jahre zuvor in Frankfurt und Klagenfurt. Dass sich dadurch das Windschattenfahren einschränkt konnte ich nicht erkennen. Der Verkehr auf der Radstrecke war so hoch, dass es bis zum Hühnerberg einen riesen Pulk gab. Dieses „leise“ starten, ohne Startschuss, ohne Spannung und ohne für mich erkennbare Vorteile ist nicht mein Ding.“ (Facebook-Post eines Starters)

Man muss vielleicht gar nicht lange nachdenken, um andere Hintergründe zu entdecken. Der Argumentation des Veranstalters nach „Sicherheit“ und „schnellen Zeiten“ folgend, ereilt den Insider doch eine gewisse kognitive Dissonanz. War das Schwimmen mit dem Massenstart bislang gefährlich? Nach den dokumentierten Unfällen folgernd, muss das Argument verneint werden. Geht es tatsächlich um schnellere Zeiten? Wenn das so ist, dann schlägt der Veranstalter evtl. einen falschen Weg ein oder vermauschelt vielleicht den wahren Hintergrund, mit dem rollenden Start einfach noch ein paar hundert Athleten mehr auf die Strecke zu bekommen? In Frankfurt sollen es an die 3.000 Starter gewesen sein und aus Klagenfurt (Ironman Austria) wird auch nicht von fairen Verhältnissen auf der Radstrecke berichtet. Ein Irrweg also?

exitEgal, wie man das Rad dreht. (Künstlich erzeugte) Schnellere Zeiten brauchen wir Agegrouper nicht! Wozu das führt, sieht man im professionellen Sport. Wenn es nur noch um die Zeiten, Platzierungen und Gelder geht, wird häufig gelogen und betrogen, wo es nur geht oder es die Legalität gerade noch erlaubt (manche scheren sich auch da nicht drum). Das Problem des Windschattenfahrens in den riesigen Starter-Pulks zeigt an, wie wenig der Athlet gewillt ist, die Regeln des Fair-Play einzuhalten. Warum soll er auch, wenn er damit der einzige wäre und sich am Ende unter Wert verkauft? Wohin führt das Ausreizen aller kommerziellen Möglichkeiten also? Zu nichts Gutem.

Dass der Altersklassensport ohnehin schon ein Dopingproblem hat, wird gemeinhin angenommen. Befeuern Veranstalter dann noch das Erzielen schnellerer Zeiten, anstatt den fairen Wettkampf in den Fokus zu rücken, wird es zwangsläufig Reaktionen der Sportler geben. Der ohnehin schon glorifizierte Einzelkämpfer wird dann in der Durchsetzung seiner Ziele vielleicht noch rigoroser. Schließlich ist das Finishen einer Langdistanz im Triathlon laut einem Ironman-Manager „… der Gipfel der Lifestyle-Pyramide …“. Wird um einen Hawaii-Startplatz gefochten, geht es vielleicht sogar um noch mehr. Dabei ist es doch nur Hobbysport (ein toller und gesunder dazu!) – auch wenn er natürlich sehr wohl auch sehr ambitioniert sein darf.

Ich bin der festen Überzeugung, dass die Altersklassensportler diesen Ansatz der „Vereinfachung“ mehrheitlich nicht wollen. Egal ob reiner Finisher-Gedanke oder geplante Hawaii-Quali – ich habe in den vergangenen Jahren viele Sportler kennengelernt und bei keinem einzigen dieser Amateursportler hatte ich das Gefühl, er wolle, dass der Veranstalter ihm irgendetwas einfacher macht, um noch schnellere Zeiten zu ermöglichen. Denn: ein Ironman, respektive eine Langdistanz, darf nicht einfach gemacht werden. Es ist nun mal Extremsport, vom Start bis zum Ziel. Und deshalb gehört die originäre Form des Schwimmstarts zurück!

Denn ein echtes Rennen ist das so nicht mehr, wenn man auf der Laufstrecke nicht weiß, ob der nebenan laufende Altersgenosse um 7.00 Uhr oder erst um 7.30 Uhr in die Fluten gestiegen ist. Die Frage ist sogar, ob die Athleten das selber wissen. Das Resultat hängt dann irgendwann an einem Brett in Form der Ergebnisliste. Spannung kommt da nicht so recht auf, eher Konfusion.

Wollte der Veranstalter tatsächlich das sportliche Geschehen positiv beeinflussen, so hätte er alternativ die Möglichkeit, Startwellen nach Altersklassen zu strukturieren. Sicher mehr als ein reiner Kompromiss! Das macht ein Rennen wieder zu einem Rennen und berücksichtigt die Belange – die der Sportler, der Zuschauer und auch die der zwangsläufig und zum Glück dazu gehörenden Medien. DAS wäre Sport so wie er mir persönlich als als Athlet und Zuschauer gefällt. Doch das ist nur meine spontane persönliche Meinung und mein subjektiver Eindruck vom vergangenen Sonntag. Vielleicht habe ich ein wenig zu weit ausgeholt … und bleibe dennoch und selbstverständlich ein Fan dieses faszinierenden Sports …

An dieser Stelle mein Glückwunsch an alle Finisher! Well done!

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P.S.: Ich kenne da einen Agegrouper, der um ca. 21.00 Uhr ins Ziel kam und sichtlich enttäuscht war, dass er keine Finisher-Medaille und kein vernünftiges Essen mehr bekam! Nachbessern erwünscht 😉

Und wie man sieht, gibt es dann auch wieder tolle Gänsehaut-Momente wie 2015:

IRONMAN Frankfurt 2015 – Skynamic Drone Footage for Hessischer Rundfunk from skynamic.net on Vimeo.

2 Gedanken zu „Rolling Start beim Ironman: Besser für den Athleten?

  • 7. Juli 2016 um 8:10
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    Hi Holger!

    Zu Deinem Spontan-blog von Frankfurt kann ich Dir nur VOLLINHALTLICH gratulieren.
    Meine (bisher) 13 Ironman, 8 Mal mit dem GUTEN ALTEN MASSENSTART… GENIAL!!!
    3mit WELLENSTART in den jeweiligen Agegroupes – auch ganz ok, weil man wirklich neben „seinen“ Mitbewerbern startet, und dann noch 2mal Rolling-start… DEINE WORTE „von außen als HAWAIIFINISHER und KENNER betrachtet“ und meine Erlebnisse decken sich da zu 100%. Als ich eine Woche VOR FRANKFURT, in KLAGENFURT diesem GEHEGESTART (eben als verletzter ZUSCHAUER) beiwohnen durfte… NULL STIMMUNG am Start – komplettes WINDSCHATTENFAHREN (gefühlt noch ärger als früher beim Massenstart, weil sich statt der auch unterträglichen DrafterPulks nun eine durchgehende DratingSCHLANGE durchs Land zieht) – und dann die TOTALE KONFUSION auf der LAUFSTRECKE – weil einfach NIEMAND MEHR WUSSTE, ist da grad ein 9h30 Athlete od. ein Begleiter, od. ein Volunteer auf der Strecke… ganz ehrlich – SO macht IRONMAN IRONMAN LÄCHERLICH UND KAPUTT. WER hat wirklich etwas Davon, wenn z.b. bei 11h15min (nach dem 1. Pfiff) Athleten in den Zielkanal einbiegen, die einerseits 11h unterwegs sind, dann kommen plötzlich wieder 2 Athleten mit 10h20 ins ziel … NE, das bringt NULL!!!! KANN man DAGEGEN noch etwas TUN? – REALISMUS ist angesagt – also, den MASSENSTART… den bekommen WIR echten Ironman wohl NIE WIEDER… – aber wie von Dir vollkommen richtig angemerkt: “ der Wellenstart wäre ein guter Kompromiss“ – nicht Was ECHTE IRONMANFANS sich erträumen, aber es wäre ok, dann wären zumindest in gewissen Agegroupes ca. 600 Athleten gemeinsam am Start und es wäre auf der Laufstrecke doch zumindest eine gewisse Klarheit, wer wo einzuordnen ist.
    Resumee: Holger, Du solltest in der Organisation – nein, besser im Headoffice der WTC sitzen, und dort mal ERKLÄREN WAS DER EIGENTLICHE SPIRIT VON IRONMAN mal WAR und WIE WIR WIEDER DORTHIN GELANGEN.
    Dir ALLES GUTE für DEIN hoffentlich bald gelingendes COMEBACK – und an alle ECHTEN IRONMANFANS die BITTE – sendet Tausende und ABERTAUSENDE MAILS AN IRONMAN mit der BITTE – GEBT UNS UNSEREN MASSENSTART WIEDER!!!!!

    EINES noch zum ABSCHLUSS: – bei jedem Kinderlauf ist es besser organisiert… entweder „brettern“ alle kinder gemeinsam drauflos und haben spaß – OHNE am START schon TAKTISCH denken zu müssen, od. es gibt nach Jahrgängen eingeteilte Starts – wo JEDE ALTERSKLASSE Applaus bekommt und die Kids stolz sind – SCHON VOR DEM START… aber einen Kinderlauf, wo man sich in eine Warteschlange anstellen „darf“ um zu Rennen…. NE, das interessiert KEINE KIDS… und genau DARUM MACHT es kein VERANSTALTER!!!!! Hoppala, das impliziert ja – jeder Dorfverein denkt MEHR über das Startprozedere nach denn WTC und IRONMAN

    Antwort
    • 7. Juli 2016 um 9:50
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      Hallo MassenstartFan 🙂

      Vielen Dank für den Kommentar. Wenn einer 13 Ironman gefinisht hat, dann weiß er wovon er redet. Ich hoffe nur, dass dieser Kommentar auch den Weg zur WTC findet. Denn genaue diese Sportler wie du (und ich und viele andere), haben das Feuer für diesen tollen Ausdauersport. Anders sind die enormen Zugriffszahlen hier im Blog und die zahlreichen Kommentare auf Facebook nicht zu erklären. Wer diese Enthusiasten nicht ernst nimmt, ist auf dem falschen Wege! Hoffen wir, dass die Argumente gehört & gelesen werden.

      Antwort

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