Leistungspotenzial Neuromuskuläre Aktivierung

Das Hirn-Muskel-Zusammenspiel verbessern

Reflexe und bewusste Handlungen steuern

Ironman Germany: Das hatte sich Hans M. ganz anders vorgestellt. Sein erster Start bei einer Langdistanz sollte doch eigentlich bei bestem Sommerwetter stattfinden. Stattdessen war es an diesem Sonntagmorgen kühl und regnerisch. Für das Schwimmen nicht unbedingt ein großer Nachteil. Schwierig könnte das aber auf der Radstrecke werden, dachte er sich.

Es lief planmäßig über die 3,8 Kilometer. Mit etwas klammen Fingern entledigte er sich des Neoprenanzugs und lief zu seinem Rad. Mit großer Aufregung legte er das Startnummernband um, setzte den Helm auf und schob das Rad hinaus. Nur noch aufspringen und die Schuhe im Rollen anziehen. So wie er es immer geübt hatte. Und dann ging es los. Das Wasser spritzte von der nassen Fahrbahn in´s Gesicht. Mit hohem Tempo ging es in die erste Kurve. Und da passierte es: das Vorderrad rutschte nur wenige Zentimeter aus der Ideallinie, Hans M. verdrehte den Lenker und schon setzte sich das Hinterrad quer. Der Sturz schien vorprogrammiert. Und das nach wenigen Metern!

Doch plötzlich korrigierte Hans M. intuitiv seine Körperposition, lenkte gegen das ausbrechende Hinterrad, klickte den rechten Schuh aus und verhinderte mit einer akrobatischen Leistung den schon sicheren Sturz. Vollgepumpt mit Adrenalin setzte Hans M. die Fahrt fort. Beim Zieldurchlauf auf dem Römer erinnerte er sich an dieses Erlebnis zurück. Fast wäre der Traum, ein Ironman zu werden, schon nach wenigen Minuten auf dem Rad ausgeräumt gewesen. Wie hatte er den Sturz nur abwenden können? Er konnte es sich gar nicht erklären.

Schneller gehandelt als gedacht

Und tatsächlich läßt sich diese und ähnliche Leistungen nur mit einem unterbewußt stattfindenden Prozess erklären. In den Bruchteilen einer Sekunde werden im Gehirn derart viele Informationen verarbeitet, dass man diesen Prozess bewußt gar nicht mehr wahrnehmen, geschweige denn steuern kann. Wie kam es nun zu dieser geistesgegenwärtigen Reaktion?

Das Gleichgewichtsorgan im Ohr registriert, wie in diesem Fall, sofort die plötzliche und ungewollte Änderung der Körperlage und sendet die entsprechenden Signale an das Zentralnervensystem. Das Auge bestätigt gleichzeitig diese Information über die visuelle Kontrolle. Muskeln und Gelenke ihrerseits fügen weitere Information hinzu. Das Gehirn wird in diesen Tausendstel- und Hundertstelsekunden mit Rückmeldungen aus den Rezeptoren nur so befeuert. Blitzschnell wird die Situation dann im Gehirn analysiert und bewertet. Ohne dass diese Entscheidungsprozesse in das Bewußtsein gelangen, wird ein „Rettungsprogramm“ entworfen und an die entscheidenden Stellen gesendet und ausgeführt. Zum Glück kann man bewußt und willentlich in diesen Prozess nicht eingreifen. Bevor also der erste klare Gedanke gefasst wäre, läge Hans M. längst auf dem Boden.

Dialog zwischen Muskel und Gehirn

Diese neuromuskulären Prozesse, also der ständige Dialog zwischen Muskeln und den motorischen Arealen im Gehirn sind lebensnotwendig. Allein die Anzahl der Verletzungen wäre ohne diese unbewußt ablaufenden reflektorischen Prozesse deutlich höher. Denkt man allein an die blitzschnellen Schutzreflexe (z.B. das Wegziehen der Hand von einer Herdplatte), wird schnell deutlich, wie intelligent die körpereigenen Systeme miteinander vernetzt sind.

Was Ihnen auf der einen Seite im Extremfall das Leben retten kann (z.B. durch reflexartige Reaktionen im Straßenverkehr), kann Ihnen aber auch bei der Ausübung Ihres Sports hilfreich sein. Schließlich kann man die verschiedenen neuromuskulären Prozesse trainieren und leistungsfördernd nutzen. Doch dazu bedarf es besonderer Methoden.

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