So wird´s gemacht: Das perfekte Triathlon-Trainingslager

Wie lange haben Sie darauf gewartet? Ab in die Sonne und an nichts anderes denken als den Sport! Den Tageskalender bis oben hin gefüllt mit allen möglichen Trainingseinheiten, zu denen Sie sonst nicht kommen. Aber Achtung: wählen Sie aus diesem reichhaltigen Angebot das Richtige aus.

Von Holger Lüning – Bitte den durchaus ironischen Unterton nicht ignorieren!

Die normalen Hotelgäste haben uns schon lange beobachtet, wie wir da mit unseren bunten Finisher-Shirts sitzen und über die Herzfrequenzwerte der letzten Radausfahrt diskutieren. Wahrscheinlich sind sie nur neidisch auf unsere sorgsam aufgestapelten Köstlichkeiten, die uns beim Gang durch die Buffetwelt des Hotels anlächelten und zu uns sprachen: „Wir sind Energie, sei nicht zu sparsam mit uns!“ Auch hier sind wir echte Dreikämpfer: Vorspeise, Hauptspeise und Nachspeise. Im Überschwang der Wirkung kurzkettiger Kohlenhydrate kommt man schnell mal auf hirngespinstige Ideen.

Angesichts der vielen schlauen Trainingsratgeber fragen wir uns, wie das perfekt unperfekte Trainingslager aussehen würde. Oder anders gesprochen: was würde ich meinem größten Konkurrenten empfehlen, um ihn für die nächsten Trainingswochen aus dem Weg zu räumen? Der Plan des schlechtesten Trainingslagers aller Zeiten war geboren!

„Lieber Sportkamerad,

nachdem du uns in den vergangenen Jahren immer wieder bewiesen hast, dass du der bessere Triathlet bist und nun erstmalig auch ein Trainingslager durchführst, möchten wir dir die 10 wichtigsten Tipps mit auf den Weg geben, damit dein Aufenthalt im Süden ein voller Erfolg wird.

Mit sportlichen Grüßen

Deine Mitbewerber“

Tipp 1: Trainiere vorher möglichst wenig!

Besser gut trainiert ins Trainingslager? Reise lieber mit so wenigen Rad-Kilometern wie möglich in den Beinen an. Denn Du weißt ja: je niedriger das Niveau desto höher die Anpassung. Lass Dich nicht verunsichern, wenn man Dir sagt, dass ein gutes Fundament viel besser wäre, weil Du die sehr plötzlich steigenden Umfänge dadurch viel besser verkraften würdest!

Tipp 2: Fang nach Ankunft sofort mit dem Training an!

Erschrecke Deinen Organismus! Nach dem Check-In im Hotel absolvierst Du sofort dein erstes Wechselzonentraining. Versuche so schnell wie möglich, die Laufbekleidung aus dem Koffern zu reißen, sie anzulegen und renn unmittelbar durch das Hotel auf die nächste Laufstrecke. Zwar sagen die Experten, man solle sich erst ein wenig akklimatisieren, Du weißt aber natürlich viel besser, dass es in einem Triathlonwettkampf vor allem um eins geht: schnelle Wechsel!

Tipp 3: Vorbereitung wird überschätzt!

Bleib flexibel und kümmere Dich auf keinen Fall um Informationen über Deine Trainingsdestination. Das stört die Fähigkeit, vor Ort mit plötzlichen Unvorhersehbarkeiten adäquat umzugehen. Auch im Wettkampf musst Du Entscheidungen in Windeseile treffen. Umso besser, wenn Du schon im Trainingslager die Strecken bewusst unterschätzt und bei Dunkelheit über die Autobahn fahrend von der Polizei gestoppt wirst. Auch wenn Deine Trainingskameraden die vielfältigen Möglichkeiten nutzen, Trainingsstrecken bereits in der Heimat in Form von GPS-Daten herunterzuladen, so muss das längst nicht für Dich gelten!

Tipp 4: Mach alles mit!

Vornehme Zurückhaltung sollte im Trainingslager nicht Deine Sache sein. Wenn die Zeit schon mal da ist, solltest Du auch schauen, dass Du möglichst alle Programmpunkte des Veranstalters mitmachst oder Dir selbst eine straffe Agenda auferlegst. Diese belohnt Dich dann schon am Folgetag mit einem befriedigenden Muskelkater. Das erschwert zwar die geplanten Trainingsinhalte der kommenden Einheiten – aber ständig gut gelaunt zu sein, wie die anderen Sportler ist doch nur ein Zeichen dafür, dass diese zu wenig trainieren!

Tipp 5: Ruhetage sind etwas für Feiglinge!

Wer seine Grenzen kennenlernen möchte, muss erst einmal wissen, wo sie sind. Nach diesem Credo handelnd, streichst Du umgehend alle Ruhetage. Natürlich hast Du gehört, wie wichtig ausreichende Regeneration sein kann. Besonders dann, wenn es in einem Trainingslager zu einer enormen Anhäufung von Trainingsreizen kommt. Wenn die Kollegen nach einem 3:1-Rhythmus, also nach drei Belastungstagen einen Ruhetag folgend, trainieren, lautet Dein Spielstand bereits 4:0. Hauptsache gewonnen!

Tipp 6: Vermeide starre Pläne!

Nur wer wagt, der gewinnt! Wer schon am Vorabend weiß, was er am nächsten Tag trainieren möchte, zeigt doch nur seine Unsicherheit. Agiere impulsiv! Genauso wie im Wettkampf, gilt auch im Trainingslager: nur wer etwas riskiert, kann etwas gewinnen. Sagte schon Chris McCormack immer! Wenn die anderen Sportler am dritten Tag nämlich erst so richtig in die Pedale treten, weil Sie Ihre Umfänge sukzessive gesteigert haben, liegst Du schon mit einem Muskelkater im Pool. Punkt für dich!

Tipp 7: Jeder Tag ist ein Wettkampf!

Wenn ein Wettkampf das beste Training ist, kann ein Wettkampf während des Trainings als Effekt auch nicht verkehrt sein. Gehe deshalb beim Fahren in der Radgruppe in den Flachpassagen taktisch klug in den Windschatten der Vorderleute. An den Erhebungen oder in Gegenanstiegen kannst Du dann die gesparte Energie in den Duellen einsetzen. Fordere Deine Mitfahrer aktiv auf, sich mit Dir zu messen. Das erhöht die Kommunikation in der Gruppe und die Diskussion um Dich. Gut, wenn man Dich kennt!

Tipp 8: Ändere alles und zwar sofort!

Ein Trainingslager ist Deine Chance! Vielleicht hast Du ja sogar das Glück mit einem Profi vor Ort trainieren zu können? Beobachte das Verhalten der Experten, optimiere Deine Sitzposition so, wie es die Spitzenkönner machen. Ignoriere das Lächeln Deiner Vereinskollegen, wenn Du als ehemaliger Fersenläufer plötzlich im Vorfuß-Laufstil an ihnen vorbei tänzelst. „Das muss man Stück für Stück angehen!“, sagen die Kameraden. Für Dich steht fest: die trauen sich nur selber nicht!

Tipp 9: Iss was du kriegen kannst!

Nahrung ist Energie, vollkommen klar! Und wer den ganzen Tag trainiert, verbrennt sicher an die fünf tausend Kilokalorien. Um diesen Verlust auszugleichen, solltest Du nicht wählerisch sein. „Bei den Mahlzeiten werden keine Gefangenen gemacht!“ ist Dein Motto. Dort, wo andere direkt im Anschluss an ermüdende Trainingseinheiten, ein Gemisch aus hochwertigen Proteinen und Kohlenhydraten zu sich nehmen, um die wichtigsten Energiedepots zu füllen, erduldest Du lieber heldenhaft das Hungergefühl und läufst später zur Hochform auf. Mit Messer und Gabel fuchtelnd, darfst du gerne behaupten: „Das Buffet bin ich!“

Tipp 10: Mach einfach mehr!

Da hat der Trainingsexperte doch tatsächlich gesagt, man solle sich in einem Trainingslager doch verstärkt um Trainingsinhalte kümmern, die für die Weiterentwicklung notwendig sind? Schnelligkeit im Trainingslager? Dass das schon kurzfristige Erfolge und Anpassungen hervorrufen kann, glaubst du ja selber nicht? Lass Dich nicht darauf ein. Lieber noch einmal eine Stunde länger auf dem Rad gesessen und ein paar Kilometer eingetütet und der Titel des Kilometer-Königs ist Dir sicher! Es ist Tradition, dass du eine Kappe bekommst und keine Krone – wundere dich also nicht!

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